Donnerstag, 8. November 2012

Neues aus "der Anstalt"



Howdy Freunde,
nach meiner einmonatigen Absenz melde ich mich nun wieder. Die gute Nachricht vorweg: Ich lebe noch, mir geht's gut! Wie der eine oder andere sicher mitbekommen hat, wurde die US-Ostküste vergangene Woche von Hurrikan "Sandy" heimgesucht. Um für den "Jahrhundertsturm" bestmöglich gewappnet zu sein, wurden in zahlreichen Küstenstaaten, u. a. auch in Massachusetts, der Notstand ausgerufen, Zwangsevakuierungen vorgenommen und der öffentliche Nahverkehr eingestellt, obwohl die wenigen Busse die Bezeichnung nicht verdienen. Darüber hinaus blieben Mo. und Di. zahlreiche Schulen geschlossen und auch die Werkstätten und Einrichtungen unserer Core-member (so werden unsere geistig eingeschränkten Mitbewohner liebevoll genannt) stellten aus Angst vor infrastrukturellen Folgen des Wirbelsturms den Betrieb ein, worüber ich mich ganz besonders freute, fiel so doch auch mein freier Tag dem Sturm zum Opfer. Vielen Dank dafür!

Aber nun mal ernsthaft. Ich persönlich hatte meinen Spaß und habe von einem "Monstersturm" (Spiegel Online) nichts gespürt. Dennoch war er innerhalb der Medien und Bevölkerung das seit Langem das spannendste, meist diskutierte Thema. Kurzzeitig wurde sogar diese andere fade, in den letzten Wochen vor allem durch Schlammschlacht artige, unzählige Wahlspots ermüdende Angelegenheit, in die zweite Reihe gestellt. Was war das noch gleich? Richtig die kommenden Dienstag anstehende "Präsidentschaftswahl", fast vergessen. Und obwohl ich mich freue, wenn endlich alles vorbei ist, muss ich doch zugeben das Ich dem Wahlkampf, seinen Fernsehdebatten sowie uneinhaltbaren Versprechungen rege gefolgt bin. Bezüglich des Sturms weiß ich das Wir mit ein paar ausgerissenen Bäumen und zerstörten Oberleitungen vergleichsweise glimpflich davongekommen sind und möchte mich auch nicht über die Menschen lustig machen, die er in Existenznot gebracht hat oder sogar um ihr körperliches Wohl fürchteten. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass zumindest im Bundesstaat Massachusetts die Panikmache im Voraus sowie die getroffenen Maßnahmen nicht annähernd im Verhältnis zur Intensität des Sturmes stehen.

Mit unseren Core-Membern verstehe ich mich inzwischen bestens. Auch wenn ich Dan, Devin, Jim und Tom erst seit zwei Monaten kenne fühlt es sich manchmal an als würde ich hier schon Jahre leben. Auch sind es die verschiedensten Macken und Gewohnheiten, die einem auch nach einem 12-Stunden-Tag plus Nachtschicht noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Da ist z.B. Tom, er war derjenige, der mich an meinem ersten Tag weckte (Davidgoeswest berichtete in der letzten Ausgabe), den seine Mitmenschen solange er eine Tasse Kaffee sowie ein dick geschmiertes Erdnussbutterbrot hat nicht im geringsten Interessieren. Bekommt er eines der Beiden nicht, kann das schon Mal dazu führen, dass sämtliches Mobiliar durch die Gegend fliegt. Allein seit meiner Ankunft mussten dies zwei unserer Stühle schmerzlich erfahren. Auch wenn sich die Kommunikation mit Tom auf wenige Desserts Bezeichnungen und Zeichen für z. B. work, trip oder bowling beschränkt mag ich ihn dennoch wahnsinnig gern, bewundere ihn sogar wenn er mit seinen sechs Zähnen wieder einmal meine halb rohen Kartoffel zerkaut. Nachdem ich mich länger mit seiner Geschichte beschäftigte und herausfand, dass er fast ganzes Leben in Behinderteneinrichtungen verbracht hat, verstand ich auch, wieso er so stark auf das Gewohnte besteht: Er hat einfach nie etwas anderen erlebt! Lustig ist es auch, wenn er nach dem sonntäglichen Dunkin' Donuts Besuch den letzten Bissen seines Donuts oder Bagels in der Hemdbrusttasche aufhebt. Weiß der Geier wieso. Zusammen mit den anderen Assistenten, insgesamt gibt es in unserer Community bestimmt 25, habe ich viel Spaß und lache viel, mit und über die Core-member.
Dennoch fehlen Ereignisse die eine gewisse Abwechslung in das, durch langjährige Routine geprägte Leben, der Core-member und somit auch in meins bringen. Dies soll keinesfalls eine Ausrede für meine akute Schreibunlust sein, aber hier passiert einfach nicht sehr viel und noch weniger, worüber es Wert wäre zu berichten! Aus diesem Grund werde ich nun einmal ein paar Grundlagen zwitschern. Ich arbeite in dem zweitältesten Haus unserer Community, dass nach dem indischen Asketen Mahatma Gandhi benannt ist. Es liegt in einem der reichsten "Stadtteile" Haverhills und beherbergt vier männliche Core-member. Mit dem gemischtgeschlechtlichen Assisi Haus, Frauenhaus Nazareth, sowie dem Friedens Haus, welches das Zuhause einer Lady ist, gehören zur Irenicon Community noch drei weitere Hauser. Verteilt auf diese leben hier 17 Core-member.


Tagesablauf an Wochentagen:
06.15: Ich stehe auf.
07.00-09.00: Frühschicht:
beinhaltet: Zubereitung des Frühstücks, Medikamente reichen, den Core-membern beim Anziehen sowie Körperpflege helfen, Zeitung lesen, Frühstücken.)
Zwischen 08:15-09:00 Uhr werden sie gewöhnlich von Fahrdiensten zu ihrer Arbeit gebracht, anschließend endet die Frühschicht.
09.00-15:00: Freizeit (Zeit zum Sport treiben, lesen und nach einer Nachtschicht auch mal um Schlaf nachzuholen)
15.00-21.00: Nachmittagsschicht:
15.00-16.00: Putzen, Einkaufen, Haushalt auf Vordermann bringen
16.00-17.00: Kochen
17.15: Abendessen
18.00: Tägliches Gebet
18.15.-20.15 Fernsehen, Fernsehen, Fernsehen
20.15: Hilfe bei der täglichen Körperpflege
21.00: Gute Nacht!
21.00-07.00: Nachtschicht. Da Daniel ein Herzschrittmacher ähnliches Gerät hat, welches ab und zu den Geist aufgibt, was zu einem Ohnmachtsanfall führen kann, gibt es stets zwei Nachtwachen. Eine die mithilfe eines Babyfons seine Atmung feststellen kann und eine auf Stand-by. Falls er ins Krankenhaus gebracht werden muss begleitet ihn eine der beiden, während die andere im Haus bleibt.


Natürlich habe ich pro Tag keine drei Schichten. Ich glaube es sind ca. 8 Stunden pro Tag, Montag und Dienstag hab ich den ganzen Tag frei!.
Vor einiger Zeit haben wir eins der ältesten Volksfeste des Landes, die Topsfield Fair, besucht. Seit dem Beginn 1818 wurde es mit Ausnahme während des Bürger Kriegs und des II. Weltkrieges jedes Jahr zelebriert. Ein riesen Spektakel! Angeblich reisen sogar aus Florida und Wisconsin jedes Jahr Besucher an, u.a. um den größten Kürbis der Welt zu bestaunen. Gesehen habe ich diesen nur im Internet. Auch Rodeo reiten, Achterbahnen, Elefanten und andere Aktivitäten blieben mir vorenthalten. Eine Stunde fahrt nahmen wir auf uns, zahlten 20 $ Parkgebühr und 12 $ Eintritt pro Person, um wiederum für das Abendessen zu zahlen. Dreimal dürft ihr raten, was es gab, natürlich Burger. Danach drehten einige Runden auf dem Rummel, um nach weniger als 1,5 Stunden das Volksfest wieder zu verlassen. "Fun Night" für die Core-member, für mich doch eher eine Enttauschung, vor allem hinsichtlich der unerschöpflichen Vergnügungsmöglichkeiten vor Ort.
Jedoch musste ich feststellen, dass es mit dieser Gruppe schier unmöglich ist, mehr zu unternehmen. Dan benötigt mit seinem Rollator für die geringsten Entfernungen Stunden, Tom will um punkt 08.00 Uhr ins Bett und Devin rennt wie von der Tarantel gestochen, Fremde umarmend, umher. Jim ist von seinen Kameraden oft einfach nur genervt und verfällt dann meist auch in Lethargie. Ähnlich war es vor einiger Zeit beim "Kürbis pflücken". Wer sich nun eine Gruppe geistig behinderter Männer mittleren Altes beim Pflücken und umherhieven von Kürbissen, die annähernd die Größe eines Autoreifens erreichen vorstellt, sollte nicht vergessen, dass ich mich in einem Land aufhalte, indem zwei von drei Einwohnern übergewichtig oder sogar fettleibig sind. Dem müssen sich auch die Kürbisfarmen anpassen. Fein säuberlich nach Größe und Preis sortiert lagen diese also auf einem eingezäunten Hof. Man musste sie mussten nur noch aussuchen, bezahlen und mit einem kleinen Bollerwagen zum Auto fahren. Klar, dass wir nach dieser beschwerlichen Arbeit erst mal einen Kürbis Donut zur Erholung brauchten (die aber wirklich vorzüglich waren). Kürbispflücken auf Amerikanisch, ein weiteres Erlebnis!
Nun zu den unerfreulichen Nachrichten: Meinen 200 $ "Fahr-einmal-um-den-Block-Führerschein" kann ich nach jetzigem Kenntnisstand vergessen. Der Erwerb ist Besitzern eines B1 Touristenvisum, wozu leider auch ich gehöre, nämlich untersagt. Das musste ich bei dem Versuch die theoretische Prüfung abzulegen nach viertägigen, strapaziösen auswendig lernen sämtlicher amerikanischer Verkehrsregeln leider feststellen. Nun bin in mehrfache Hinsicht fassungslos. Erstens obgleich der Tatsache das für über 18 jährige, zumindest im Bundesstaat Massachusetts, während der Fahrt weder eine Anschnallpflicht noch ein Telefonierverbot herrscht. Zweitens hätte eine etwas gründlichere Recherche bei meiner Bewerbung vieles erleichtert, hätte ich mich doch von Beginn für ein anderes Visum beworben. Um hier nicht zu versauern, werde ich dennoch alles probieren, um am Ende des Jahres mit meiner eigenen Harley nach Kalifornien fahren zu können!

Vorgestern war es zu meiner großen Freude dann endlich so weit: Die Abstinenz ein alle Mal gebrochen.  Trotz meiner Minderjährigkeit hatte ich am Freitagabend erstmals die Möglichkeit auszugehen. Aperitif, verschiedene Weine, drei Gänge Menu, Cocktails, alles for free im protzigen Ambiente des Renaissance Golf Clubs. Wie ich daran gekommen bin? Ich habe Daniel zu seinem jährlichen Workshop Bankett begleitet. Dieses Jahr gaben sie sich anlässlich irgendeines Jubiläums besondere Mühe. Obwohl Dan' sich innerhalb unseres Hauses nahtlos die Reihe der wortkargen einfügt, schaffte ich es ein wenig Konversation zu betreiben, sodass es ihm, obwohl keiner seiner Arbeitskollegen in unserer Nähe saß, sichtlich spaß bereite. Komischerweise hatte man uns an einem Tisch mit ausschließlich Chefs sowie Offiziellen platziert, welche sich den ganzen Abend über Servicepersonal, Essen und die Raumtemperatur geklagten. Der Klimax der Pikierten saß mir in Gestalt einer Mittvierzigerin mit fahlem, Straßenköter blondem Haar, Raucherzähnen und zwei entsetzlichen Kindern unmittelbar Gegenüber. Ihrer Erscheinung nach sie eher auf unsere Halloweenparty letzte Woche als zu dem Bankett gepasst. Schlimm genug das ihre missratenen Töchter weder Salat noch Gemüse aßen und den ganzen Abend auf ihren iPods rumspielten, doch am Ende des Abends sollte diese auch noch mit der Auszeichnung zum "Mitarbeiter des Jahres" nach Hause gehen. Ich hatte erstmalig die Chance Kontakte jemand gleichaltrigen aus der Stadt zu knöpfen, doch als ihr klar wurde, dass ich mit Dan dort war, verließ mich die junge Frau total entsetzt mit den Worten "du bist auch einer aus dieser Anstalt".
Langeweile sollte in naher Zukunft nicht aufkommen, schließlich steht der nächste Sturm samt Schnee vor der Tür. Den durch "Sandy "verlorenen freien Tag darf ich diese Woche nachholen, weshalb ich drei Tage freihabe, genug für einen Trip nach Montreal. Dort werden Eric und meine Wenigkeit sich in größter Legalität in eine Bar setzen, genüsslich alles bestellen was die kanadischen Getränkekarten zu bieten haben und den Wahlausgang in den USA verfolgen. Schon ein wenig bizarr dafür nach Kanada zu fahren aber naja.
“There's nowhere you can be that isn't where you're meant to be...” 
Cheers!

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